{"id":1378,"date":"2018-09-02T17:02:47","date_gmt":"2018-09-02T16:02:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.singvoegel.com\/?p=1378"},"modified":"2018-09-02T19:04:10","modified_gmt":"2018-09-02T18:04:10","slug":"land-in-sicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.singvoegel.com\/index.php\/land-in-sicht\/","title":{"rendered":"Land in Sicht"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1380\" src=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke2-259x300.jpg\" alt=\"\" width=\"259\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke2-259x300.jpg 259w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke2-768x889.jpg 768w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke2-885x1024.jpg 885w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke2.jpg 1629w\" sizes=\"(max-width: 259px) 100vw, 259px\" \/>Das gro\u00dfe Sommerkonzert der Singv\u00f8gel war \u2013 um nicht ganz auszufallen \u2013 das gro\u00dfe Solokonzert Karans (mit Sven an der Percussion) geworden: Ende Juni in Marburg.<\/p>\n<p>Einen Tag zuvor, es war ein Donnerstag, stand ich (Duke) bei einer vermeintlichen Routineuntersuchung in Heidelberg und fragte den Arzt noch halb witzelnd: &#8222;Sofort operieren, sagen Sie? Wohl schon am Montag?&#8220; &#8211; &#8222;Sofort!&#8220;, meinte der Augendoc jedoch und bekr\u00e4ftigte ernst: &#8222;Gestern w\u00e4re besser gewesen!&#8220; \u2013 Ich hatte eine Operation am Grauen Star hinter mir, doch die Symptome waren eher noch schlimmer geworden: Rein gar nichts hatte ich mehr gesehen auf dem frisch operierten Auge.<\/p>\n<p>Und hatte, als das so blieb, einigerma\u00dfen krakeelen m\u00fcssen, um \u2013 Tage sp\u00e4ter \u2013 doch noch eine Nachuntersuchung zu bekommen&#8230; bei der dann endlich entdeckt wurde: Meine Netzhaut l\u00f6ste sich ab! Notoperation!<\/p>\n<p>Und das unmittelbar vor dem MagicMeet in Marburg. Ich stand im kalkwei\u00dfen Klinikraum und halluzinierte mich unwillk\u00fcrlich barfu\u00df auf das Gras, das ich nicht sehen, geschweige denn sp\u00fcren w\u00fcrde, meinte das Knacken des Lagerfeuers zu h\u00f6ren, an dem ich nicht sitzen w\u00fcrde, geschweige denn singen. Die Kollegen ahnten noch nichts. Noch nie in meiner langen Laufbahn hatte ich einen Gig absagen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fcr jenes kleine, aber feine Festival in Marburg war ich gleich dreifach engagiert gewesen: am Freitagabend f\u00fcr \u2013 tats\u00e4chlich am Lagerfeuer \u2013 Kostproben aus meinem neuen Soloprogramm, am Samstag nachmittag f\u00fcr die offizielle Lesungs-Premiere meines j\u00fcngsten Buches &#8222;Der Sonnenglanz&#8220;, und am Abend dann die Kr\u00f6nung: das lang erwartete und sorgf\u00e4ltig eingeprobte Singv\u00f8gel-Konzert. Mit neuem Konzept, einigen \u00dcberraschungen \u2013 doch dann \u00fcberraschte nur mein gesundheitlicher Totalausfall.<\/p>\n<p>Wir waren nicht auf Tournee, nicht mal einer Gigreihe: Festivals, auf denen nur die Headliner bezahlt werden, w\u00e4hrend alle anderen Acts umsonst auftreten m\u00fcssen, unterst\u00fctzen wir ja schon l\u00e4nger nicht mehr. Das hat unsere j\u00e4hrlichen Termine sehr \u00fcberschaubar gemacht.<\/p>\n<p>Umso wichtiger wurden uns die ausgesuchten Gelegenheiten, zu denen uns engagierte Menschen einladen, die die entsprechenden Events meist aus eigenem Verm\u00f6gen und freizeitlich stemmen \u2013 und sich gro\u00dfe M\u00fche geben, uns im Rahmen der jeweiligen M\u00f6glicheiten anst\u00e4ndige Konditionen zu bieten. Und daf\u00fcr geben wir gern unser Bestes. Das Engagement ist ein gegenseitiges. Niemand schaut da auf den Cent, aber alle darauf, dass mehr entstehen kann, als die verf\u00fcgbaren Euros alleine vermuten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und so erbl\u00fchen bleibende Erinnerungen an wundersch\u00f6ne Begegnungen; Konzerte und Momente, die Kraft geben in einem Alltag, der oft allzu grau und trostlos daherkommt und in dem wir uns alle so oft alleingelassen f\u00fchlen: mit all den schlechten Nachrichten um uns herum, in diesem reichen, aber ungl\u00fccklich wirkenden Land (das so lange nach seiner &#8222;Wiedervereinigung&#8220; zerrissener scheint als je zuvor), auf diesem \u00fcberall brennenden Globus, w\u00e4hrend man selber kaum die brennendsten Privatprobleme zu l\u00f6sen vermag&#8230; von hoffnungsvollen Utopien ganz zu schwelgen. Wer glaubt an gl\u00fccklichen Ausgang?<\/p>\n<p>Ich durfte einen erleben: mehrfach, ja, vielfach! Ja: nur in meinem Leben, aber wenn dich wirklich etwas j\u00e4h und unvorbereitet erwischt, wie zum Beispiel eine drohende Erblindung, dann relativiert sich solches &#8222;Nur&#8220; aufs Allerfeinste! Und ist das Kleine nicht gern ein Spiegel des Gro\u00dfen? Das gilt nicht nur f\u00fcrs Katastrophale, sondern gerade und auch f\u00fcrs Sch\u00f6ne, Gute, Wunderbare!<\/p>\n<p>Ich stand vor dem Nichts. Keine Lesung und kein Konzert, das hie\u00df auch: kein B\u00fccherverkauf, kein Gagenanteil. Einnahmen, mit denen ich fest gerechnet hatte! Doch dann nahmen&#8217;s die Kollegen in die Hand, als h\u00e4tte man&#8217;s planen k\u00f6nnen: Die Lesung konnte stattfinden, weil Karan sie gab und an meiner statt den Text vortrug. Ich h\u00e4tte es h\u00f6ren und sehen m\u00f6gen! Umst\u00e4ndehalber waren zwar keine B\u00fccher vor Ort \u2013 aber die Kollegen verkauften sie trotzdem!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1379\" src=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1-768x768.jpg 768w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1-1024x1024.jpg 1024w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/duke1.jpg 1440w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Ich staunte nicht schlecht, als Karan und Sven an meinem Krankenhausbett auftauchten und mir ein Buch nach dem anderen hinhielten. Wer welches bekam, also wem ich welches widmen sollte, mussten sie mir vorsagen: Ich konnte nur Schemen erkennen und hoffte, mit meinem Autogramm \u00fcberhaupt die Buchseite zu treffen.<\/p>\n<p>Und ein riesiges Unterschriften-Poster gab&#8217;s: mit den Genesungsw\u00fcnschen der Fans, Freunde und Sympathisant*innen vom Marburger Fest \u2013 das h\u00e4ngt jetzt bei mir daheim \u00fcberm Bett. Immer noch \u2013 denn es ist ja noch nicht zu Ende. Die Behandlung geht weiter (eine OP steht noch bevor) \u2013 und das Leben auch: das jedoch weit besser, als es zwischenrein ausgesehen hatte. Der gl\u00fcckliche Verlauf der langwierigen Genesung war, so sagten die \u00c4rzte von Anfang an, Gl\u00fcckssache.<\/p>\n<p>Wochenlang schlief ich schlecht: in verordneter Bauchlage, mit dem Gesicht nach unten, um das Gas, das sie mir ins Auge operiert hatten, nach oben steigen zu lassen, wo es die Netzhaut an die Augeninnenwand dr\u00fccken sollte&#8230; Geschenkt, dass ich nichts heben durfte und, etwas umst\u00e4ndlicher schon, mich nicht b\u00fccken sollte. (F\u00fcr einen Zweimetermenschen sind die meisten Sachen tendenziell eher unten \u2013 und gerade, wenn du fast nichts siehst, f\u00e4llt dir noch viel schneller mal was runter als sonst.) Das Schlimmste war das strikte Leseverbot.<\/p>\n<p>Nichts lesen hie\u00df auch: nichts schreiben. Erst im Verzicht wurde mir bewusst, wie stark ich Tag f\u00fcr Tag mein Inneres zu reflektieren pflegte: durchs Aufschreiben von Gedanken \u2013 und sei es auch in ganz lapidarer Form von Arbeitsnotizen und irgendwelchen Tabellen f\u00fcr dieses und jenes laufende Projekt.<\/p>\n<p>Nichts schreiben hie\u00df auch: Das selbstverst\u00e4ndliche Chat-Geplauder mit der Intimfreundin, dem Kumpel, der Bekannten \u2013 alles weg, alles pl\u00f6tzlich ganz umst\u00e4ndlich. Der Facebook-Messenger erlaubt auch Sprachnachrichten, jau. Ich \u00fcbte den Sport, dabei mit dem Finger auf dem Mikrofonsymbol zu bleiben (mein Tablet verstand nicht immer, was ich wollte) \u2013 und die Durchsagen in Einminutenschnipsel zu verpacken, denn mehr als 60 Sekunden am St\u00fcck erlaubte die App nicht.<\/p>\n<p>Ich telefonierte auch \u2013 aber anlasslos Leuten hinterherrufen? Plauder-Chats zwischendurch waren, stellte ich erst jetzt fest, selbstverst\u00e4ndliche Bestandteile mancher Kontakt- und Freundschaftspflege geworden. Freunde und Bekannte schickten mir H\u00f6rb\u00fccher.<\/p>\n<p>Was aber noch h\u00e4ufiger eintraf \u2013 und mir tats\u00e4chlich die Existenz rettete, die langwierige Genesung erst erm\u00f6glichte \u2013 waren Spenden. Karan hatte dazu aufgerufen: im Netz alle Pferde scheu gemacht! Ich bekam gar keine Gelegenheit, vor Peinlichkeit im Boden zu versinken \u2013 die Lieblingskollegin hatte mich wohlweislich gar nicht erst gefragt, sondern gleich beherzt gehandelt. Und was da zusammenkam \u2013 von vielen kleinen Betr\u00e4gen bis zu manch au\u00dferordentlich gro\u00dfz\u00fcgigen \u2013 war, ich kann es nicht anders nennen, \u00fcberw\u00e4ltigend!<\/p>\n<p>Und verschaffte mir zwei Monate (in denen ich tats\u00e4chlich nichts anderes machen konnte, als halbblind durch einen sehr reduzierten Alltag zu schlurfen \u2013 alles immer sch\u00f6n langsam, ganz langsam \u2013 und auf allm\u00e4hliche Besserung zu warten) Ruhe: zum Genesen.<\/p>\n<p>Die tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung der Vielen \u2013 und die herzlieben W\u00fcnsche und Gr\u00fc\u00dfe, die bei mir eintrafen \u2013 ver\u00e4nderten meine Weltsicht aufs Heilsamste. So viele Leute da drau\u00dfen, denen ich nicht egal bin? Die meine Arbeit vermissen: meine Texte und Videos, Lieder und Lebenszeichen? Halbblind zum Nichtstun verdammt, musste ich erkennen, dass ich vorher \u2013 sehenden Auges \u2013 noch viel blinder gewesen war: all dieser Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber, in der ich nun pl\u00f6tzlich badete, der ich sozusagen situativ nicht mehr auskam. Die ich jetzt endlich bemerkte. Ich weinte gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-892\" src=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/DSC1541-20130523-LR_2048-1024x466.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"466\" srcset=\"http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/DSC1541-20130523-LR_2048-1024x466.jpg 1024w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/DSC1541-20130523-LR_2048-300x136.jpg 300w, http:\/\/www.singvoegel.com\/wp-content\/DSC1541-20130523-LR_2048.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>Wir Singv\u00f8gel lebten ja noch nie nur f\u00fcr die Verkaufszahlen \u2013 oder gar von ihnen. Aber manchmal \u2013 und ich glaube, daran leide ich nicht alleine \u2013 \u00fcbersieht man vor lauter Sorge oder Gram (bei dem es sich auch gern mal um alten, l\u00e4ngst nicht mehr zwingend wirksamen Kram handelt: einfach mal untersuchen!) die Wirklichkeit&#8230; Und die ist oft besser als ihr Ruf. Sie will allerdings entdeckt werden unter all dem Geschrei, Geunke, Gehetze und Gef\u00fcrchte.<\/p>\n<p>Ich bin immer gern ein leidenschaftlich kritischer Geist gewesen, oder habe mich darum bem\u00fcht: nicht nur, aber auch. Ich kann nichts reparieren, verbessern oder beheben, wenn ich den Schaden nicht benennen kann oder darf \u2013 wozu dessen Feststellung und Untersuchung geh\u00f6rt und, in schwierigen oder besonders komplexen F\u00e4llen (wie denen gesellschaftlichen Miteinanders zum Beispiel), die Diskussion dar\u00fcber, worum es sich handelt und wo etwas im Argen liegt oder ob.<\/p>\n<p>Ich bin nicht nur ein Gegner von Gesundbeterei, ich halte solches Gefr\u00f6mmel, so nachvollziehbar es zuweilen sein mag, schlicht f\u00fcr absurd. &#8222;Energie folgt der Aufmerksamkeit&#8220;, schon klar, aber wenn ich beim \u00dcberqueren der n\u00e4chsten Stra\u00dfe den Verkehr ignoriere, weil ich mich echt null f\u00fcr LKWs interessiere, dann \u00fcberrollt mich der n\u00e4chste \u2013 oder etwas anderes.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite aber lasst uns nicht vergessen, wieso wir \u00fcberhaupt unterwegs sind: und sei es f\u00fcr das Ziel, diesen ganzen schrecklichen und gef\u00e4hrlichen Verkehr, auf den wir so achten m\u00fcssen, auf Dauer zu ver\u00e4ndern. Und gleich neben dem Grau, auf das wir uns t\u00e4glich so konzentrieren \u2013 weil es notwendig ist und nicht anders geht und so weiter und so \u00e4chz \u2013 gleich daneben bl\u00fcht es bunt, lebendig, unverdrossen und trotzdem.<\/p>\n<p>Das Leben ist zu kostbar, um es allein der Verzweiflung zu \u00fcberlassen \u2013 und wenn die noch so viele Gr\u00fcnde anf\u00fchren mag. Sie soll nicht mein Tun anf\u00fchren und nicht mein Denken beherrschen. Ich will der Hoffnung, die durch so viele b\u00f6se kleine Sticheleien fast ganz aus unseren K\u00f6pfen verschwunden ist, eine Chance geben \u2013 und sie weiterreichen: von Herz zu Herz.<\/p>\n<p>Mir w\u00e4re nach einem Dankesch\u00f6n-Konzert zumute.<\/p>\n<p>Wo am besten?<\/p>\n<p>Anregungen nimmt jede Singv\u00f8gel-Dienststelle gerne entgegen. \ud83d\ude09<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gro\u00dfe Sommerkonzert der Singv\u00f8gel war \u2013 um nicht ganz auszufallen \u2013 das gro\u00dfe Solokonzert Karans (mit Sven an der Percussion) geworden: Ende Juni in Marburg. Einen Tag zuvor, es war ein Donnerstag, stand ich (Duke) bei einer vermeintlichen Routineuntersuchung in Heidelberg und fragte den Arzt noch halb witzelnd: &#8222;Sofort operieren, sagen Sie? 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