Castordämmer 3


Freitag, 2. Dezember 2011

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Rauch über dem Deich, weißer Qualm hängt überm ganzen Firmament, vereinzelte Strohfeuer brennen, grelle Scheinwerfer am Horizont schlagen messerscharfe Schneisen in den Dunst… Castordämmer, Feuernacht. Hubschrauber im Tiefflug. Blinklichter, Lautsprecher, Blaulicht, Alarm, Appelle. Eskalation und Entladung liegen als Gefahr und Verlockung gleichermaßen in der Luft, blank die Nerven Vieler – dies gewiss auf beiden Seiten dieser künstlichen (in Wahrheit nur scheinbaren) Front zwischen der Bevölkerung und einer Polizei, die eigentlich ihre sein sollte… aber hier gegen sie steht.

Dannenberg - Hauptkundgebung - 111126 1519 DSC0075Hochradioaktiver Abfall zieht durch Deutschland, was seit je nur mit massiver Polizeigewalt durchsetzbar ist. Mittlerweile missfällt das Mehrheiten, der Widerstand geht heute durch alle Schichten und Milieus: im Wendland hat er längst Routine. Abertausende Menschen haben es tage- und nächtelang geschafft, mit friedlichen Mitteln den Transport von Atommüll auf Schienen zu behindern, der Castor ist im Verzug.

Vor der Endstation Gorleben liegt das Dörfchen Laase – seit Tagen im Belagerungszustand, es dräut die letzte Nacht. Zwei Heere stehen sich gegenüber, das kleine bewaffnet, das große nicht, das kleine kriegerisch, das große nicht, das kleine aggressiv, das große nicht, das kleine abkommandiert, das große nicht – ist das überhaupt ein Heer? Nein, nur Hunderte von Menschen sind es, auf einer friedlichen Kundgebung. Goa-Rhythmen bumpern durch die Nacht, einige Leute tanzen, doch die Szenerie ist apokalyptisch.

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Lautsprecherdurchsagen der Polizei gehen trotz beißender Schärfe unter; die Aktivistinnen von „Castor wegbassen“ haben bessere Lautsprecheranlagen und, anders als die Polizei, Argumente – bleibt es bei Wortgefechten? „Bleibt zusammen, bildet Gruppen, die Polizei greift sich wahllos Einzelne aus der Menge!“ warnt eine Aktivistin vom Musikwagen. Sieben Wasserwerfer sind aufgefahren, monströse Panzerkästen eines ebensolchen Demokratieverständnisses: Immer wieder spritzen sie Fontänen auf die Menschen, doch die lassen sich trotzdem nicht provozieren, sie bleiben friedlich.

Auf der mit Absperrungen, Fahrzeugen und uniformierten Mannschaften gesicherten Straße jenseits des Ackers wird Atommüll transportiert – eine Hinterlassenschaft, für die uns sämtliche noch kommenden Generationen der Menschheit hassen werden. Dieser Müll überdauert die Zivilisation, die ihn schuf, um Jahrhunderttausende. Was für ein Erbe!

Kundgebung Laase - 111128 2004 DSC0409111128 1524 DSC0369Vor 30 Jahren rannte ich durch Frankfurt – unfreiwillig, denn Hundertschaften schwerbewaffneter kampfbereiter Uniformierter waren mir auf den Fersen: Es war die Zeit von Brokdorf und „Startbahn West“, Atomgegner galten als halbe, wenn nicht ganze Terroristen, ich war nur ein verirrter Punk, und die ganze Innenstadt ein Schlachtfeld. Sie jagten uns die ganze Nacht, ich entkam nur durch unwahrscheinlich viel Glück. Wasserwerfer gab es schon damals, aber noch keine Handys und kein Internet – die Polizei spielte Katz und Maus mit den Demonstranten und hatte leichtes Spiel, der Hass auf beiden Seiten war gewaltig. Die Fronten waren eindeutiger damals, böser und härter – eine friedliche Bevölkerungsmehrheit gegen Atomkraft, quer durch alle Schichten und Milieus, das war 1981 noch ganz unvorstellbar gewesen.

Kundgebung Laase - 111128 2004 DSC0409111128 1522 DSC0361 Erst recht, was uns drei Singvøgeln auf dem Acker vor Gorleben passierte – und gelang. Es war der letzte Tag der Castortransporte; seit drei Tagen tourten wir durchs Wendland, hatten mehrmals in Dannenberg gespielt, auf der Kundgebung, bei den Anti-Atom-Piraten, dann in deren Quartier, dann wieder in Laase, im „Musenpalast“, manchmal kurz, manchmal lang, hier mit Anlage, dort stromlos. Alles recht spontan und nach Bedarf. Die zahllosen Absperrungen und Blockaden – hier von der Polizei, dort von den Treckern oder anderen Anti-Atom-Aktivisten – hatten uns Südländer schon fast zu Ortskundigen gemacht: Göhrde, Metzingen, Groß Heide, Jameln, Zadrau, Dünsche… als Namen, Wegmarken, Ausweich- und Umwegstrecken vertraut binnen Tagen. Zufall oder nicht, zuletzt waren wir wieder in Laase gelandet und dort hängengeblieben im „Musenpalast“: jenem liebevollen Zeltlager, in dem es zuging wie auf einem wunderbaren Festival, während ringsum gefühlter Krieg herrschte.

Irgendetwas zog uns mittags hinaus aufs Feld – mehr Instinkt als Ahnung. Auf dem Acker gärte es: Reiterstaffeln der Polizei hatten ihr eigenes Absperrband überschritten, Pulks von Infanteristen stellten sich en Block unter die Demonstranten: offenbar auf irgendeinen Grund hoffend, bald zuschlagen zu dürfen.

Kundgebung Laase - 111128 2004 DSC0409111128 1503 DSC0351Die Atmosphäre war gespannt. Provozierend bauten sich Uniformierte auf – in ihren Personenpanzerungen wie seltsame Aliens wirkend, mit schwerem Schienbeinschutz, tonnenförmig aufgepolsterten Brustkörben, schwarzem Dress, schwarzen Mützen, die Knüppel am Gürtel, die geharnischten Kampfhelme noch in der Hand, mit angespannten Gesichtern. Von aufgebrachten Zivilisten vergeblich zum Rückzug aufgefordert, verweigerten diese abkommandierten Einheiten auch besonnener auftretenden Leuten jegliches Gespräch. Offenbar hatten sie Kontaktverbot. Drohend die Reiterstaffel: auf schnaubenden Rössern, die sie tänzeln ließen, gefährlich nah an den Leuten. So bescheuert ein Pferd mit Plastikbrille aussieht, so archaisch ist doch der Herrenblick Reitender aufs Fußvolk: das gegebenenfalls niedergerittene.

Kundgebung Laase - 111128 2004 DSC0409111128 1454 DSC0335Wir kamen geschritten, wir kamen bewaffnet mit Gitarren und Djembe, kein Mikrofon, kein Strom, keine Angst, wir kamen um zu singen. „Unter der Asche: Feuer“ – es gibt Momente, da sind Melodien die besseren Argumente. Wir sangen sie gleichermaßen an, die Entsetzten wie die Eingesetzten, die Beherzten wie die Verpanzerten, die Waffenlosen wie die Verantwortungslosen, die Befehlsverweigerer wie die Befehlsempfänger. Bürgerinnen und Polizisten. Bullinnen und Leute.

Räuber und Gendarm? So ließen wir es aussehen: wie ein großes, böses Spiel, zu dem wir gute Miene machten. „Hou hou hou – wo gehörst du hin?“ So dünn die Gitarren klangen, unverstärkt auf freiem Feld im Wind, so stark trafen die Gesänge: als ob Situation und Umgebung ihnen eine neue, eine zusätzliche Bedeutung verpassten. Wo gehörst du hin?

Kundgebung Laase

„Reich mir die Hand“! So dräut uns die Nacht…: Warum hat der Feind immer die Übermacht? Die letzten der Besten in Lumpen und Fetzen versammeln sich und zünden Notfeuer an. Wer jetzt noch dabei ist, weiß nur, dass er frei ist – und eins ist gewiss: es gibt keinen Ersatzmann… Jedes verdammte Wort war – wieder mal – wahr. Reich mir die Hand – zusammenhalten, darauf kommt’s an!

Als Musiker spielt man ja gern für den Applaus – aber was hier an der Demo-Front allein von den Gesichtern zurückkam, war unglaublich. Es war, als würfe man einander die Waffen zu: die wirklichen. Diejenigen, gegen die Schlagstöcke, Wasserwerfer – ja sogar Panzer machtlos sind. Blicke, Gesänge, aufgefangene und hinübergereichte, weitergereichte Worte. Leuchtende Gesichter. Entflammte Herzen. Ich hab es gesehen, ich zeige es euch, und was wir wollen, das schaffen wir heut…

Ich meinte, mehr als ein Augenpaar unter den Uniformierten geschaut zu haben, das uns insgeheim recht gab. (Bei 20.500 in dieser Sache eingesetzten Polizeikräften ist es auch äußerst unwahrscheinlich, schon rein statistisch, dass die alle Atomkraft supertoll fänden.) Mehr als eine/r schaute, wenn ich ihm/ihr plötzlich in die Augen sah, weg – ohne ganz verbergen zu können, was vorher im Blick schimmerte: manchmal nur Neugier, manchmal Sympathie. Es machte mich mutig.

Einem Polizisten, mit dem ich versuchsweise sprach, sagte ich, dass ich seine Nervosität verstünde, weil „wir die besseren Waffen“ haben. So ganz hat er das nicht verstanden, erklären konnte ich’s ihm nicht – er musste dann weg.

Musenpalast Laase - 111128 1150 DSC0227Wir gingen auch zurück: zum „Musenpalast“. Die Hubschrauber flogen schon tiefer, so dass inzwischen jeder Act auf dem offenen Bühnchen verstärkt werden musste: nicht nur Gedichte und Geschichten, herrlich vorgetragen von der Schauspielerin Christa Tornow, sondern auch Sängerstimmen, Fiedelgeigen, Akkordeöner.

Man gab sich gegenseitig das Mikro in die Hand – für eine Spontaneinlage nach der anderen. Nur das wackere Bariton-Sax kam noch unverstärkt durch – und natürlich der stimmstarke Musenpalast-Impressario Willem Wittstamm himself mit seinen intelligenten Witzchen und aufmunternden Ansprachen. Ein Gastro-Team aus Ravensburg machte, als zugereiste Volksküche der besonderen Art, unentwegt Käsespätzle bis der Castor kam. Das Bier ging schon vorher aus. Der Mut nicht.

Musenpalast Laase - Lesung - 111128 1412 DSC0267Der 13. Castortransport hat am 28. November irgendwann nach 22 Uhr sein Ziel erreicht. Wir auch. Der Widerstand gegen all diese Zumutungen und Verbrechen ist tief in unseren Herzen verankert. Wird er die Verhältnisse ändern? Er ist schon dabei. Wer wir sind? Gar nicht so leicht zu sagen! Wir sind so ziemlich überall! Man nennt uns „die Bevölkerung“.

So lach mit mir, Bruder. Die Schwester am Ruder zeigt dir noch, wie’s geht – schau, die hat keine Angst. Weil wir es schaffen. Denn unsere Waffen sind all diese Stimmen eines Gesangs. Reich mir die Hand. Komm her und reich mir die Hand. Wir überleben den Untergang…

Und:

Es gibt ein paar Sachen, die waren noch nie
In Ordnung, und jetzt reparieren wir die.

Duke Meyer

Update 19.09.2012

Wie oben beschrieben, waren wir ja auch am Stand der höchst engagierten Anti Atom Piraten auf der Essowiese und in deren „Basislager“ eingeladen und haben auch dort ein paar Liedchen geträllert, letzteres just an dem Tag, als die Delegation der Berliner Piraten-Abgeordneten als parlamentarische Beobachter auf einen Besuch vorbeikamen und sich das Phänomen Gorleben zeigen ließen.

Gestern Nacht (18.09.2012) kam dann auf ZDFinfo die Doku „Alles liquid?“, die das erste Jahr jener Abgeordneten begleitet hat und wir waren sehr gespannt, ob deren Besuch im Wendland im Film auftaucht, und wenn, ob man zufällig sogar unsere Nasen dort sieht.

Er taucht auf. Allerdings ohne Bild. „Reich mir die Hand“ ist zu hören, aber der Bildschirm blieb schwarz. Auch in der Mediathek ist jetzt (19.09.2012, 14:00 Uhr) der komplette Wendland-Part ohne Bild, auch wenn jemand vom ZDF gestern Nacht noch twitterte, dass der Beitrag in der Mediathek „in wenigen Minuten“ korrigiert sein würde. Das war vor 12 Stunden.

Naja, vielleicht wird das ja noch irgendwann die Tage, dann kann man uns vielleicht ab Minute 14:20 nicht nur hören sondern auch mal kurz sehen… :-p


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3 Gedanken zu “Castordämmer

  • MartinM

    Ihr habt großartig gekämpft!

    Und ich muss zu meiner Schande gestehen, nicht dabei gewesen zu sein. Obwohl Laase sich ja von mir zuhause aus durchaus mit dem Fahrrad erreichen ließe – quatsch, erreicht wurde, von Demonstranten aus dem selben Teil Hamburgs, aus dem ich komme! Warum ich nicht kam? Aus Feigheit. Die Sorge um meiner Gesundheit (tödlicher Männerschnupfen) ist, wenn ich’s genau betrachte, vorgeschoben. Denn das Gefühl, von einem Wasserwerfer getroffen zu werden, kenne ich, genau so wie das Gefühl, stundenlang im Polizeikessel zu stehen – aber: das ist ewig und drei Tage her. Gar nicht mehr wahr. Es ist wohl mit schlechten Erfahrungen wie mit dem Rückspiegel: sie vergrößern das, was zurück liegt.
    Was keine Entschuldigung ist.

  • Karan

    Dieser Kampf wird nicht nur auf den Bahngleisen, Straßen und abgeernteten Maisfeldern des Wendlandes geführt, sondern überall: mit Computer, Gitarre, Photoapparat, Weblog, Flugblatt, Spraydose, in Occupy-Camps, auf Montagsspaziergängen, in stillen Kämmerlein, deren Bewohner in den Weiten des Internets wirken. Und Du bist dabei. Wir sind viele.

  • Arne

    „Keiner hat das Recht zu gehorchen“
    (Hannah Arendt)

    Will man verstehen, was Hannah gemeint hat, dann schaue man sich die Menschen an, die sich seit Jahrzehnten im Wendland für uns alle eingesetzt haben.

    Meinen unendlichen Dank diesem kleinen widerborstigen Völkchen, das es erreicht hat,
    dass immer mehr Menschen den Mut gefunden haben sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

    In diesem Sinne:
    „Sapere-Aude“
    (Immanuel Kant)