Irland 2008 7


19. September 2008, um 13:10 Uhr

GrünEigentlich sollte alles ganz anders sein. Eigentlich wollte ich nach England. Mit einem ziemlich detaillierten Arbeits- und Aufnahmeplan. Aber dann begann sie zu rufen, die grüne Insel: „žKomm doch endlich mal rüber“, lockte sie. „žDu hast es doch schon so lange vorgehabt und bis in Bristol immer nach Devon abgebogen, nie weitergefahren bis zur Fähre und zu mir. Am besten reist du gleich über Frankreich an, damit du nicht in Versuchung kommst. Und komm bald. Ich warte schon so lange.“

Zuerst tat ich so, als könne ich sie nicht hören. Aber sie blieb hartnäckig. Schickte mir Musik über den Weg. Ein Buch, das mich begeisterte. Schließlich gab ich nach. Überredete den Kollegen, mitzukommen und Bild- und Videoaufnahmen zu machen, denn ich wollte sowieso Material für ein künftiges Projekt sammeln.

Daß ich auf der Überfahrt nicht seekrank wurde, wertete ich als erstes gutes Omen. Leider bin ich überhaupt nicht seefest, aber die irische See war gütig und schaukelte uns sanft gen Nordwesten. In Rosslare begrüßte uns Sonnenschein. Und Grün. Das erste.

Ich hatte die Schwärmereien über das „žirische Grün“ bislang immer als Legende abgetan, hatte ich doch selbst jahrelang in Devon gelebt, jenem grünsten aller englischen Landstriche. Doch bald erkannte ich, daß die Legende stimmte. Nicht umsonst heißt Irland auch „žEmerald Isle“. Dieses Grün hat etwas Elektrisches, Leuchtendes, das ich bislang noch nirgendwo anders zu Gesicht bekommen habe. Wahrscheinlich liegt es auch daran, daß es auf der Insel noch viel häufiger regnet als in England…

Torc WaterfallAm ersten Tag hatten wir Glück mit dem Wetter. Wir fuhren bis kurz vor Killarney, besuchten am anderen Tag die Gärten von Muckross House und den Torc Wasserfall und landeten schließlich auf der Dingle Peninsula.

Der Kollege amüsierte sich köstlich über meine immer ekstatischeren Entzückensrufe ob des zunehmend intensiver werdenden Grüns der Wiesen. Alles sah irgendwie so aus, wie es die wohlbekannten Klischee-Photos, darstellten. Malerisch bunte Häuser in den Städtchen. Hübsche steinerne Brücken. Schafe. Viele Schafe. Und natürlich Grün. Grün. GRÜN.

Dingle ist reizend. Die Stadt erinnerte mich in Größe und Ausstrahlung an meine alte Wahlheimat Totnes. Irgendwie haben wir’s geschafft, gleich am ersten Tag dort die „žrichtige“ Musikszene kennenzulernen. Auf Empfehlung der netten Leute im Dingle Music Shop (wo ich gleich mal eine gescheite Tin Whistle erwarb) hörten wir ein schönes Konzert, bei dem Eoin Duignan die Low Whistle und die Uilleann Pipes spielte und Gerry O’Beirne die Gitarre.

Wir hatten das Glück, Gerry noch bei zwei weiteren Sessions in unterschiedlichen Pubs hören zu können, am letzten Abend wieder gemeinsam mit Eoin.

Selbstverständlich haben wir noch andere Trad-Sessions in Pubs besucht. Aber diese beiden Musiker sind etwas Besonderes. Weil es ihnen gemeinsam gelingt, die traditionelle irische Musik zu transformieren ohne sie zu deformieren. Will sagen: das sind die alten Jigs und Reels, aber sie haben eine Frische, etwas Neues, einen anderen Geschmack sozusagen, der die Zuhörer die Ohren spitzen läßt.

The Three SistersNatürlich ließen wir es uns nicht nehmen, auf dem westlichsten Campingplatz Europas zu zelten (ok, so ganz stimmt das nicht, auf Island gibt es, so haben wir uns sagen lassen, auch noch Campingplätze). Wir schlugen also unser Zelt im Schutz von Fuchsienhecken auf. „žSchutz“ war allerdings relativ: es regnete ausgiebig und immer wieder. Trotzdem war es fein, gleich am Morgen auf die See hinunter- und die Berge hinaufzugucken, Mount Brandon in Wolken, wie immer. Der zeigt sich nicht so ohne weiteres, er ist ein alter Herr, der seinen Hut auf dem Kopf läßt.

Als wir schließlich aufbrachen (liebe Freunde waren ebenfalls auf der Insel gelandet und wir wollten uns treffen), sprach uns der deutsche Zeltnachbar an: ob wir denn irgendetwas mit der Band „žSingvøgel“ zu tun hätten… Wir konnten’s kaum fassen: da waren wir am Rand Europas und es zelteten Fans aus Ingolstadt direkt neben uns! An dieser Stelle noch mal herzliche Grüße an Euch, und wir hoffen auf ein Wiedersehen!

 

Grange Lough Gur

Lough Gur ist magisch schön. Direkt neben dem See befindet sich Irlands größter Steinkreis, den wir mit unseren Freunden erkundeten. Ein kleinerer Kreis liegt nur einen Steinwurf entfernt, und einzeln stehende Megalithe umfrieden das Gebiet.

Abend in CahersiveenDa das Wetter zunehmend schlechter wurde, der Wetterbericht aber dem Süden mildere Umstände verhieß, fuhren wir kurzerhand alle wieder hinunter nach Kerry, umrundeten die berühmte Ringstraße in der Gegenrichtung und entdeckten schließlich in Cahersiveen einen der schönsten Campingplätze, inclusive Music Room mit Torffeuer und Instrumenten an der Wand. Dort haben wir dann am Abend ein bißchen Musik gemacht.

Der nette Mann vom Campingplatz hatte uns die geschützteste Stelle zugewiesen, und trotzdem sind wir beinahe abgesoffen, denn in der Nacht hatte uns das schlechte Wetter eingeholt und am anderen Tag goß es in Strömen. Ich rief daher kurzerhand eine Freundin in Fanore an und bat um Asyl. Unsere Freunde, mit dem Wohnmobil unterwegs, waren wetterunabhängiger, hatten mehr Zeit und wollten vorerst im Süden bleiben.

AbendlichtWir schmissen also das nasse Zelt ins Auto und fuhren nordwärts. Bereits bei Limerick rissen die Wolken auf. Wir stießen schließlich auf die Küstenstraße entlang des Burren und erreichten Fanore kurz bevor ein malerisches Abendrot einsetzte, das wir dann bei dampfendem Tee und Cider und netten Gesprächen am Kaminfeuer genießen konnten.

Wenn es irgendwo auf der Welt ein Haus gibt, das ich als „žTraumhaus“ bezeichnen würde, dann ist es dieses. Dort kann man aufwachen und über die See schauen, ohne überhaupt erst aufzustehen. Die schützenden Hänge des Burren spürt man im Rücken. Gut zu wissen, daß es solch ein Haus gibt. Das heißt nämlich, daß Träume zu verwirklichen sind.

Die Wüste lebtDer Tag war wettermäßig der schönste der ganzen Reise: nach anfänglichen Schauern hatten wir ungetrübten Sonnenschein. Wir fuhren quer durch die faszinierende Mondlandschaft des Burren, die jedoch seit 5000 Jahren eine Kulturlandschaft ist und ohne Winterbeweidung gar nicht so aussehen würde. Die Kargheit trügt: der Bewuchs des Burren ist nahrhaft und garantiert gesunde, kräftige Tiere.

Sogar durch die Steinwüste des Burren ziehen sich Mauern. Natürlich sollen sie die wenige Erde an ihrem Platz halten, doch es gibt auch welche, die einfach ins Nichts führen. Sie – und die vielen verlassenen Häuser auf der ganzen Insel – erzählen von dunklen Zeiten: kaum mehr als 150 Jahre ist es her, daß in Irland Millionen Menschen verhungerten, weil eine Kartoffelkrankheit über mehrere Jahre hin die komplette Ernte vernichtet hatte. Scharen von Iren wanderten aus (wenn sie konnten). Bittere Ironie dieser Zeit ist: Weizen und andere Nahrung wurde gleichzeitig munter weiter exportiert, vor allem nach England. Den englischen Grundherren waren ihre irischen Arbeiter (besser wohl: Arbeitssklaven) ziemlich egal. Die wenigen „žWohlfahrtsprojekte“ dieser Zeit gingen von der auch heute nicht ganz unbekannten Grundannahme aus, daß wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll, und so wurden Menschen im Austausch für Essen zwangsverpflichtet: zum Bau von Straßen („žfamine roads“) ins Nichts und Mauern quer durchs Niemandsland.

Die Felsen des Burren sind durchzogen von Rillen, Rinnen, Löchern, Einbrüchen, Grundwasserseen (den sogenannten Turloughs). Es ist eine abenteuerliche Landschaft für Wanderer. Ohne Wanderschuhe geht gar nichts. Umsichtige Blicke auf den Boden sind beim Herumlaufen nötig, aber sie sind interessant, denn es ist faszinierend, was in den Ritzen und Spalten so alles wächst.

Nach einem Tag voller Photo- und Videoaufnahmen waren wir ziemlich müde, genossen aber noch ein richtig feines Abendessen in einem Pub in Doolin. Es gab frischen Atlantik-Lachs, unvorstellbar zart, für mich und nicht minder zarten schmackhaften Lammbraten für Sven. Anschließend gab es natürlich noch feine Musik – schade, daß es so voll war, mit diesem wilden Flötenspieler hätte ich mich gerne mal unterhalten.

Das Wetter trübte wieder ein und wir machten uns, auf Empfehlung meiner Freundin, auf nach Newgrange. „žGeht morgen früh dort hin“, hatte sie geraten, „žbevor die Touristenströme kommen, dann werdet ihr spüren, was für ein kraftvoller Ort das ist.“

NewgrangeSie hatte recht. Ich war ein wenig skeptisch gewesen, denn die mächtigen Hügelgräber von Newgrange und Knowth sind weltbekannte Plätze, in die man ohne Führung gar nicht hineinkommt. Aber es hat sich gelohnt.

Zuvor waren wir in einem B&B untergekommen, denn mittlerweile war es zum Zelten wirklich viel zu naß und zu kalt. Die freundliche Landlady machte uns gleich einen Tee zum Aufwärmen, und dann hat Sven versucht, ihre Fernbedienung für den Fernseher in Gang zu bekommen. Das hat aber nicht geklappt, vermutlich lag das Problem am Fernseher selbst. „žWo hab ich denn nur die Quittung“, seufzte die Landlady, „žich verleg“˜ die Dinger immer.“ Ich erklärte mein Mitgefühl (ich kenne das…)

PICT0066Newgrange und Knowth sind Zeugen einer Zeit, über die wir immer noch nicht wirklich viel wissen, und das macht sie so interessant, denn viele Deutungen liegen, wie die junge Führerin erklärte, bei jedem Einzelnen, der diese Orte besucht. Für mich sind sie Heiligtümer, in gewisser Weise ein Zentrum der ganzen Insel, wie auch Tara, der Krönungsort der irischen Hochkönige, der gleich um die Ecke liegt. Diese Hochkönige hatten weniger politische Macht als sakrale Bedeutung, und Tara selbst, mit seinen alten Ringforts, läßt schon allein aufgrund seiner Ausdehnung ahnen, wie wichtig dieser Ort einst gewesen ist.

Es ist unvorstellbar, daß der irische Staat eine Autobahn mitten durch diese archäologisch immer noch kaum erschlossene Landschaft legen will! Infos dazu gibt’s bei Tarawatch.org.

WexfordWir fuhren eilig gen Süden, denn am anderen Tag mußten wir auf die Fähre zur Heimreise. Die Sonne begleitete uns und wurde immer strahlender. In Wexford erwartete uns ein trockener Campingplatz, ein uriges Pub und das letzte Smithwick’s der Reise (den Kollegen regelmäßig und mit Genuß Bier trinken zu sehen war etwas ungewohnt ;-))

Den Irish National Heritage Park haben wir uns auch noch angeschaut: rekonstrukierte Häuser von der Steinzeit bis zu den Normannen. Malerisch in ein schönes Areal gebettet, waren sie von außen leider schöner als von innen – das Gelände ist etwas feucht. Es ist wahrscheinlich lohnender, zur Hauptsaison dorthin zu gehen, wenn diverse Veranstaltungen in experimenteller Archäologie stattfinden. Vielleicht bin ich aber auch nur verwöhnt von der Qualität schwedischer Freilichtmuseen…

WellenbrecherinDie letzten Stunden vor der Abreise tankten wir Sonne am schönen Strand von Rosslare. Die Insel machte es uns schwer, sie zu verlassen.

Auf der Fähre tröstete mich Sven dann mit meinem allerersten Irish Coffee, den ich sogleich zu meinem Lieblings-Heißgetränk erkor.

Habe ich eine Erklärung für diesen Ruf, der mich nach Irland lockte? Teilweise ja. Es ging nicht um ein klar definiertes Projekt, das sich mir dort erschlossen hätte, es ging jedoch um Inspiration. Irland hat nicht umsonst eine jahrtausendelange Tradition von Kunst, Kultur und besonders Musik. Ich habe das Gefühl, daß sich dort meine „žkreativen Batterien“ ganz von alleine aufgeladen haben. Was daraus wird, darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Es geht dabei nämlich viel mehr um Gefühle. Diese Insel mit ihrer reichen, oft tragischen Geschichte ist mich tief und unerwartet zu Herzen gegangen. Sie ist ein guter Ort für kunstschaffende Menschen, sie inspiriert, ohne sich aufzudrängen, sie erreicht auch das Unbewußte.

Ich möchte dort so bald wie möglich wieder hin. Am besten mit der ganzen Band, den Instrumenten und einem mobilen Aufnahmestudio…

P.S.: Noch viel mehr Bilder gibt es hier und hier.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

7 Gedanken zu “Irland 2008

  • Dagmar

    Hej ihr zwei lieben singvögel und inzwischen auch Irlandfans,wer ein bischen magie und fantasie in sich hat kann den spirituellen reizen dieses emerald islands nicht entkommen,habe eure karte nicht verloren und möchte euch dran erinnern,…ein gemeinsames cider oder guinness trinken in heidelberg steht noch aus…schickt mir doch eure tel oder so, herzliche grüsse aus dossene und eure bilder und der inselbericht haben mir gut gefallen!

  • Andreas Äppler

    Nach Irland wollte ich auch schon sehr lange mal. Aber irgendwie hab ich es dann nie geschafft, denn im Sommer hat es mich dann doch er in den Süden an den Strand gezogen. Aber in den nächsten Jahren verzichte ich glaub mal auf den Strand und schaue mir auch lieber mal die anderen gegenden an. Deine Bilder machen auf jeden Fall richtig lust dort mal vorbei zu schauen

  • Christian

    Irland ist scheinbar wirklich so schön grün wie es immer heisst. Diese Bilder machen Lust auf mehr, werde ich mir auf meiner Reiswunschliste ganz oben markieren. 🙂