Vom Quietschen im Moor… 1


(…und danach und davor)

Sonntag, 16. September 2012

Ist schon eine Weile her, dass wir in England waren. Danach aber ging erst richtig der Bär ab und die Post los – Produzent! Plattenaufnahmen!Videodreh! – und so fiel uns erst später auf, dass es über unseren Frühlingstrip auf die englischste Insel der Welt noch gar keinen Bericht gab. Hier ist er!

Woher wir kamen

Aufbau für die Vorlesung in PlymouthEingeladen hatte uns die Universität von Plymouth für einen Vortrag über „Engaged Rock Music in Germany“ – verbunden mit einem Auftritt, aber die Herausforderung war natürlich, schon ungewohnterweise, der Vortrag.

Der wuchs sich schon beim Vorbereiten am heimischen Beamer zu einer persönlichen Zusammenfassung der deutschen Nachkriegsgeschichte aus: so viel, was erklärt werden musste, so viel, was in Westdeutschland anders lief als in Großbritannien – angefangen mit dem Umstand, dass es mit BRD und DDR zwei deutsche Staaten gab, in denen sich ganz unterschiedliche kulturelle Eigenheiten herausbildeten. Und nicht aufgehört damit, dass es in Westdeutschland bis in die 80er Jahre hinein keineswegs selbstverständlich war, Rock in der eigenen Muttersprache zu singen.

Nach der Vorlesung ins PubUm zu erklären, warum sich welche Eigentümlichkeiten wie verhielten und welchen Umständen sie entsprangen, mussten wir eine Ecke weiter zurückgreifen als unsere Leben reichten. Was sich jedoch lohnte: So manches scheinbar Selbstverständliche fiel uns da selbst erst so richtig auf als Folge bestimmter Entwicklungen und Ereignisse; schärfte unser eigenes Bewusstsein dafür, woher wir kommen, was wir wurden, was wir sind.

Nicht nur Vortrag und Recherche, auch der Trip selbst sollte sich lohnen, und so dehnten wir den Ausflug auf nicht weniger als neun Nächte: wenn schon, denn schon. Nicht alle Tage wird man als deutsche Band eingeladen ins Mutterland des Rock.

Nicht unser einziger Grund, England zu mögen: Karan ist es seit ihrer mehrjährigen Ausbildung am Dartington College of Art (das es jetzt leider nicht mehr gibt) zur zweiten Heimat geworden, Sven schätzt die englische Lebensart („Communitiy“) – und ich bin zwar kein Fan englischer Küche, aber umso mehr von Salt & Vinegar Chips (die auf dem Kontinent nur schlecht kopiert werden) und, ja, zugegeben, ich mag das englische Bier: das mit keinem Schaum oben den Glasrand adhäsiert. Richtig verrückt bin ich nach Ginger Beer – kein Bier, sondern ein Ingwerkracherl (eine Ingwerlimo): leider nur in winzigen Fläschchen erhältlich, die nach eineinhalb Schlückchen leer sind.

Ich mag auch Land und Leute. Und sogar die Sprache.

Die rote regenlose Stadt

LondonBei Ben kamen wir unter, einem Freund und FAWM-Kollegen, für die ersten Nächte, und er zeigte uns – live in echt und bei Tag – seine Heimat London, die vollste Stadt des Universums.

London ist zugleich die unglaublichste Stadt des Universums – man muss annehmen, dass Neil Gaimans Abenteuergeschichte darüber keine Phantasterei, sondern wahr ist: das Mystische und Abgründige lauert überall, ist nur einen Schritt entfernt (und das übertrifft glatt noch Wien). London hat die zweistöckigsten und rötesten Busse, die ganzkörperlichsten und rötesten Telefonzellen (hier hätte Superman noch Umzugsmöglichkeiten), die rötesten Nasen (cheers!), die errötendsten Sonnenuntergänge und die engsten Tuben. Nicht Senf-, sondern U-Bahn-Waggons und Tunnel. Schön anglizierend sprachen wir davon, die „Tube zu nehmen“, mit der „Tube zu fahren“ und taten das dann auch.

FAWM Over PartyTrotz der Themse, die mitten durch die Stadt fließt, ist London voller Häuser, weiter als Augen und Vorstellungsvermögen reichen, es gibt aber derartig viele Menschen dort, dass sie selbst in diese Vielzahl von Häusern und Gebäuden bei weitem nicht alle hineinpassen, weshalb sie, die Menschen, jeden steinernen Winkel, Platz und Flecken bevölkern, und zwar in einem Ausmaß, dass es wenig ausmachte fürs Erste, wenn sie mal alle ohnmächtig würden, da sie gar keinen Platz hätten, umzufallen – so dicht gedrängt wuseln sie (außer natürlich in den dorfgroß ausgedehnten Parks, da hat man Platz, da sind weniger Eingeborene und weniger Zugereiste, aber herrlich viele Eichhörnchen). Zumindest im endenden März 2012 war das so, unter dem blauesten Himmel aller Inselzeiten. Klischees hin oder her: In 9 Tagen England hatten wir – wir schwören es beim ungesehenen Schamhaar der Königin – keinen einzigen Tropfen Regen.

Singvøgel on stage in London City: im „Mason & Taylor“ auf der FOP. Das ist die alljährliche „FAWM Over Party“ (auf Deutsch: Februar-Album-Schreibe-Monat-Vorüber-Feier), auf der anwesende FAWMer einander ihre Songs vorspielen: just for fun, wie es dem Geist der gleichnamigen globalen Liederwerkstatt entspricht.

Aus Germany war außer uns Singvøgeln noch Roberta aus Schwaben da – genau, die tolle Sängerin mit der großen Ukulele! Es gab soviel Bier auf der FOP, dass ich jetzt gar nicht mehr weiß, wer wann was alles sang, aber darf davon ausgehen, dass es anderen auch so ging. Das Essen im Pub war einsame Spitze, der Preis ebenso – ich musste die Anschaffung der ersehnten Gibson nochmal um ein Jährchen verschieben. 😉

Oh, und die Busse sind rot in London, besonders im zweiten Stock, also Busgeschoss, meine ich. So rot sind die, das glaubst du nicht! Falls ich das noch nicht erwähnt habe!

Pferdejazz und Nebelraunen

ImprovocationIch weiß nicht genau, wie es passiert ist oder wie uns geschah – aber it happened, wie man in GB sagt. Tatort „Bay Horse Inn“ im schönen Totnes – das ist ein Städtchen in Devon. Das Devon ist eine liebliche Landschaft, nach der ein Erdzeitalter benannt ist, und die „Strandgaulkneipe“ vulgo „Pferdebucht-“ oder besser „Buchtpferd“-Kaschemme der Ort, wo, ich gebe es zu, wir uns des Spielens von Jazz (!) mehr oder minder schuldig machten.

Wir konnten nichts dafür, die Atmo verführte uns, vielleicht war es auch das gute englische Bier oder die Anwesenheit solch hervorragender Musiker/innen wie Sam Richards (Klavier & Bandoneon), Richard Gonski (Klavier & Synthesizer) und Rachel Miller (Querflöte & Gesang)… Juristisch wird sich die Angelegenheit nicht mehr klären lassen. Aber es gibt Beweise. Die komplette Session wurde mitgeschnitten. Zu den Genannten gesellten sich: Karan mit Querflöte und Gesang, Sven Scholz mit Percussion (Cajon und Drumrum) und Duke Meyer am (fretless) Bass. Vollkommen spontan, ungeplant und ohne jede Absprache – was soll dabei rauskommen außer einer Musik, die, wie Sam später lächelnd bemerkte, zu einer Sorte gehöre, die sich vielleicht schöner spielen lasse als sie sich womöglich anhöre…

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Der ironische Unterton war ganz unnötig, der ziemlich rammelvolle Laden ließ sich’s gefallen und das stundenlang; zu meinem größten Erstaunen überhäufte man uns in der Pause gar mit allerlei Lob. Was mich für den zweiten Teil – ebenso voll improvisiert wie der erste – gleich ein bisschen sicherer machte… Und ich gebe zu (also so ganz heimlich unter uns, hier in der potentiellen Weltöffentlichkeit): Dieses völlig freie und planlose Spiel – es machte richtig Spaß. Aber sagt’s nicht weiter!

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Zur protokollarischen Vervollständigung sei angemerkt, dass das Syndikat, äh, Projekt, zu dessen Mittätern wir Singvøgel tatsächlich gehören, einen Namen trägt, der gleichzeitig Programm ist: „Improvocation“.

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Unten im Sumpf

Weniger Öffentlichkeit drohte tatsächlich Tage später und ein paar Meilen weiter nebelwärts: ins Dartmoor ging’s, in nahezu gleicher Besetzung, Instrumente huckepack, ein wenig windig war’s und kühl. Wir ließen uns nieder an einem erstaunlichen Platz. Eine alte Seilwinde stand da, mit der einst Lasten über einen Teich gezogen wurden – lang her, die Winde ist verrostet, der Teich ein Sumpf, von der Fabrik stehen nurmehr ruinöse Reste.

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Verwunschen nicht nur der Anblick: Wie die Ortskundigen bereits wussten, ließ sich die Kurbel der Winde drehen – und gab dabei, je nachdem wie schnell oder langsam man das tat – quietschende Geräusche in unterschiedlichen Intensitäten und Tonhöhen von sich. Irgendwo zwischen halb vergessenen Anfängen der „Einstürzenden Neubauten“ und dem unvergessenen (aber größerem Publikum nie wirklich bekannt gewordenen) Theremin: analoge Version, in dem Fall. Stromlose Version: eine alte Seilwinde. Quietsch, quiiiääääärk kiööööööönghh.

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Wir wechselten uns an der Kurbel ab und die anderen improvisierten dazu, auf verschiedenen Instrumenten. Hatte man’s im Bay Horse Inn noch „Jazz“ nennen können, wurde es dort draußen im Moor ganz seltsam, ganz eigenartig, eigentümlich. Es war ja nicht laut: ein bakterienbetriebenes 2-Watt-Würfelchen für den E-Bass, hier mal mit Delay, alle anderen Instrumente – Cajon, Flöten, Stimmen – akustisch. Rund ums Quietschen der Seilwinde.

20120331 130545Es wurde trancig, ruhig und gelöst, wir sprachen kaum. Ließen es kommen, wie es wollte. Irgendwann saßen die Frauen zusammen und ließen einen rhythmischen Gesang auf- und abschwellen in einer neuen Sprache (vielleicht war sie aber auch nur so uralt, dass sie keiner mehr von uns Lebenden kannte). Der sumpfige Boden um die Winde herum zwang zu einer angespannten Körperhaltung beim Drehen und Quietschenlassen. Sam stand irgendwann mit dem Bass da und drehte immer mehr Delays hinein – die künstlich emulierten Einbau-Effekte des Amp-Würfelchens bekamen im Wind des Moors, wo sie sich an der freien Luft herumzutreiben begannen wie Blubberblasen, die dort auch nicht daheim sind, ein interessantes Eigenleben. Svens Handflächen auf dem Cajon fanden flatternde Echos an fernen Felsen.

120331 1250 DSC0710Ich war schon auf vielen Sessions, darunter auch abgedrehten – als 20jähriger habe ich schonmal Styropor auf Lack gerieben, Eisen auf Blech geschlagen und Texte aus Büchern rezitiert, dies alles zugleich (und fragt nicht, was die anderen dazu tönen ließen), aber auch schon bessere Musik gemacht, manchmal sogar richtig gute: glückliche, gelungene; ich habe brechlaute und flüsterleise Momente in Erinnerung, ekstatische, euphorische und vertrancte, chillige, geile und großartige, urlange mit vielen Djemben und noch mehr Möbeln, andere auf engstem Raum aber aus offenstem Geist, Vereinigungen brüllender Gitarren mit hauchzarten Flötentönen, aufwändige Sessions mit mannshohen Verstärkertürmen und endlosen Solierern davor, aber noch mehr ganz ohne, in Hallen und im Freien und z.T. unter wirklich kuriosen Umständen und an ebensolchen Orten.

120331 1250 DSC0715Aber die leicht weggetretene Session im Dartmoor, Ende März 2012, war eine der merkwürdigsten, der ich beiwohnte, an der ich mich beteiligte, die mir passierte.

Noch unentschieden, ob es angebracht ist, auch davon einen oder ein paar Schnipsel zu veröffentlichen. Den Mitschnitt hab ich mir, ehrlich gesagt, noch gar nicht angehört. In meiner Erinnerung liegt ein sanft-zauberhaftes Ereignis am letzten Märznachmittag des Jahres, an dem die – etwas zu kühle – Luft mehr trug als nur den Klang, den wir da tönen und sich zusammensetzen ließen aus der Natur, die uns umgab, und der, die in uns wohnte und sich bitten ließ. Ich weiß nicht, ob die Aufnahme überhaupt etwas geworden ist – und bin mir nicht sicher, ob sich dem Ohr erschließt, was die Herzen trieb, der Seele blieb.

Egal! Schon hab ich mich verquatscht, so ausschweifend verplaudert!

Fish & Friends

So viele Begegnungen noch waren’s, Gespräche, tiefschürfend und hochfliegend (oft beides in einem) – und auch ein langes Schweigen: als wir (zu dritt: Karan, Sven und ich, nach einem wunderbaren Mittagessen mit Lona und Sam) zum Steinwald fanden, Wistmans Wood, Stunden später.

Wistmans Wood - Dartmoor - 120331

Wir waren durchs Dartmoor gewandert, immer der Nase nach und auf den nächsten Hügel am Horizont zu, einen halben Nachmittag lang: hin zum grünen Rand. Dort war ein Wald, ein Eichenwald, der mehr von dieser Erde war als wir, der zauberhafter schien als die versponnenste Erzählung, wo moosbewachsen, flechtbehangen, Stein und Bein und Holz sich aalten, miteinander, ineinander verwachsen und verwoben, verschlungen und vereinigt, und ohne feste Grenze, was davon wo aufhörte und wo begann. Die Luft war baumig dort und borkig, wir wurden still: denn soviel Stille gab’s zu lauschen.

Wistmans Wood - Dartmoor - 120331

Dick wie Suppe war die Stille, so voller unerhörter Töne, die aber alle was erzählten: bei minus XXL Dezibel. Wir lauschten dem Schweigen der Blätter. Beteiligten uns schweigend am stummen Palaver der Geschöpfe, mischten uns unter sie, einzeln stiegen wir herum. Wie wenn die Seelen sich dort niederließen: aber gehörte das zur Welt? Nicht zur sonst vertrauten.

Wistmans Wood - Dartmoor - 120331Ich hörte den Bäumen zu, den Flechten, den Moosen, den Steinen, dem niedrigen Himmel und dem tiefen Grund. Fand meine Kuhle, an einem Baum, ließ mich dort nieder, wohin ich gehörte, woher ich – so schien es mir – schon immer gekommen. Alles ging fort: als erstes die Zeit, als zweites die Sorge, als drittes der Gedanke. Der Baum ließ mich leben, die Luft ließ mich atmen, die Schwerkraft hielt mich auf dem Moos, das Moos war mein Sessel.

Ich ließ mein Menschsein mitziehen mit den anderen Illusionen (Zeit, Sorge, Gedanke), gab’s fort wie einen Mantel an die Garderobe: erleichtert. Lehnte am Baum, und nein, sah keine Elfen, wurde nur selber grün und moosig, farnleicht und borkenwild, verzwergte und verzweigte, vergnomte und verelfte mich auf meine Weise, was heißen mag: auf jenes Baumes Weise, nach den Regeln des Steinwaldes. Wurde sein Geschöpf für – geschätzt – vielleicht so hunderttausend Jahr‘.

Zurück ins Jetzt und Dort:

Bei Torcross

Anderen Tages, anderen Ortes, aßen wir Fish & Chips am Strand – die bessere Portion. Amy fand das Klavier, außer uns keine Gäste im hallengroßen Strandlokal, und ließ es klingen. Später noch Session in ihrer Wohnung. Wir machten viel Musik in England und bekamen besser zu essen als die Engländer. Was natürlich verführerisch ist. Wir wollen wiederkommen. Auch grad der Freunde wegen. Der Menschen wie der anderen. Auf Wiedersingen. Wiederfühlen.

FAWM Over Party - London - 120325 (mobile) London 20120328 160246 20120328 140240 Fish & Chips @ Boat House Torcross - 120330 (mobile)

Glastonbury Tor Avebury - 120326 Im Meer - Devon - 120328 Dartington Hall - 120327 120330 1635 DSC0616

[dm]


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