Free Pussy Riot! And free yourself! 2


Montag, 24. September 2012

Dass drei Musikerinnen der russischen Band Pussy Riot, zwei davon Mütter kleiner Kinder, unter fadenscheinigster Argumentation von einem russischen Gericht zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurden dürfte inzwischen bekannt sein, der Fall erregte ja – zum Glück – einiges an internationalem Aufsehen.

Wer uns auf Facebook folgt hat ja auch schon mitbekommen, dass wir sehr betroffen und schockiert sind darüber, dass in Russland, einem Land, das als „Demokratie“ und „Rechtsstaat“ angesehen werden möchte, wie in dunkelsten Sowjetzeiten Künstler, die öffentlich ihre Meinung sagen, wieder auf Jahre weggesperrt werden. Nein, überrascht sind wir nicht; wer ein bisschen aufmerksam das, was so in der Welt geschieht, beobachtet, der hat natürlich mitbekommen, wie in Russland Staat und (orthodoxe) Kirchen-Obere eine unheilige Allianz bilden (SWR2 Hörfunkprogramm, Player oben rechts, lohnt sich!) und wie es dort nach und nach über die letzten Jahre immer repressiver wurde.

Free Pussy Riot!

Free Pussy RiotEs ist erfreulich, dass die mutigen Aktivistinnen von Pussy Riot sehr viel Unterstützung gerade aus der bislang viel zu lang „unpolitischen“ internationalen Popszene bekommen und sich diesmal neben den „üblichen“ verdächtigen Altstars, die noch aus einer Zeit stammen, da Popkultur selbstverständlich auch immer politisch war und politische Themen formuliert hatte (genau genommen gäbe es sie nicht, wäre das anders gewesen) auch viele aktuelle „neue“ Stars und Sternchen einer Meinung nicht enthielten. Und das, obwohl seit 10-20 Jahren das Politische erfolgreich von der Mainstream-Industrie und deren Gatekeepern aus der aktuellen Popkultur rausgefiltert wurde, so dass bei jüngeren Künstlern die Position „Ein Künstler in der populären Kulturszene muss politisch neutral bleiben“ zu einer kaum mehr hinterfragten Selbstverständlichkeit geworden ist.

Nichts aber könnte den vielfachen, breiten, berühmten, inspirierenden und großartigen Schultern, auf denen all diese jungen Künstler stehen, mehr widersprechen: von den alten Bluesern angefangen, den Chanson­nieres, über die Rock’nRoller, die Rocker, die Punker, Waverocker, Grunger – sie alle thematisierten stets gesellschaftliche bis hin zu ganz konkreten politischen Themen ihrer Zeit. „Sich rauszuhalten“ war keine Option. Und dann kamen die 90ger.

Dass dieses „sich raushalten“ sich inzwischen so fest etabliert hat, dass sogar Teile der „Konsumenten“ hinter Solidaritätsbekundungen nur noch PR-Gründe vermuten – oder, noch schlimmer – hinter der Aktion der Pussy Riots selbst nur einen PR-Coup zum „bekannt werden und zur Förderung von Plattenverkäufen“ (Ja, solche Ansichten gab es zu hören und zu lesen, man möchte es kaum glauben), ist ein weiteres Alarmzeichen dafür, dass sich die industrialisierte Corporateship-Popkultur heutzutage in die gesellschaftliche Irrelevanz bugsiert hat, aus der herauszukommen sehr schwer werden wird – aber auch sehr notwendig ist. Welche Existenzberechtigung hat eine „Kultur“, wenn sie nichts mehr bewegen will, keine Diskussionen mehr eröffnet, keine Reaktionen mehr provoziert?

Es ist dringend Zeit für neue Leadbellys, Dylans, Hendrixe, Baezes, Whos, Patty Smiths, Johnny Rottens, John Lennons, Bruce Springsteens, U2s, Nirvanas und wie sie alle hießen und heißen. Es gibt sie. In den Subkulturen, den kleinen Szenen abseits, den „special interest“-Nischen. Früher, bis tief in die 80ger, waren sie es, die den Mainstream befruchteten, ja, teilweise diesen sogar eroberten, mitsamt ihren Themen. Es liegt „am Markt“, die Gatekeeper zu verjagen, die sie heute zugunsten ihrer schnell gecasteten und ebenso schnell gehypten, ausgepressten und wieder fallengelassenen austauschbaren Fastfood-Schaufensterpuppen nicht ins Scheinwerferlicht lassen. Ihr seid dieser Markt. Ihr habt die Macht. Fordert sie ein.

Niemand riskiert Gefängnis, Gesundheit oder Leben „nur wegen der Publicity“! Was ist das für eine zynische Haltung derer, die sowas unterstellen? Wenn mutige Künstler überall auf der Welt ihre Freiheit riskieren, Sängern „zur Abschreckung“ die Zunge abgeschnitten wird, weil ihr regimekritischer Rap auf Youtube mehrere tausend „likes“ fand, oder Pianisten die Hände verkrüppelt, oder sie gleich ganz umgebracht werden, dann wird es gerade auch für uns, die wir solche Repressalien schon lange nicht mehr zu befürchten haben (Wie lange ist noch mal eben eine Nazi-Diktatur, in der Künstler neben der Freiheit auch ganz schnell mal ihr Leben verloren, her? Und wie wenig lange die Auflösung der STASI-Gefängnisse der DDR?), Zeit, die eigene Welt voller Zynismus und Ignoranz endlich zu verlassen und die verloren gegangene kulturelle Fertigkeit der Empathie wieder zu einem festen Bestandteil unseres Lebens zu machen und Solidarität mit den Menschen um uns herum und in der Welt zu leben. Und uns endlich unsere (Pop)Kultur wiederzuholen von denen, die uns ihren Zynismus und ihre Ignoranz als „Kultur“ verkaufen wollen. Und sie stattdessen mit Liebe und Leidenschaft für das Leben füllen.

Love, peace and happiness. Für alle Menschen. Nichts weniger. Das ist kein Traum. Das ist eine Aufgabe und viel Arbeit, die zu tun ist bevor es zu spät ist!


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2 Gedanken zu “Free Pussy Riot! And free yourself!